Tinnitus (Auditorische Neuroplastizität)

​Leitung:

​Prof. Dr. med. Tobias Kleinjung
​Mitarbeitende:

​Dr. med. Nicole Peter
Jessica Hohn, MPA

Projekt 1

Subtypisierung des chronischen Tinnitus (Ohrgeräusch)

Kooperation:
  • PD Dr. Berthold Langguth, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Regensburg, Deutschland
  • Database Workgroup der Tinnitus Research Initiative (TRI), Regensburg, Deutschland

Tinnitus ist ein häufiges Symptom, das in manchen Fällen zu einer signifikanten Beeinträchtigung der Lebensqualität führen kann. Es existiert eine Vielzahl unterschiedlicher Therapieansätze, von denen manche Patienten profitieren andere jedoch nicht. Dies deutet darauf hin, dass es unterschiedliche Formen von Tinnitus geben muss, die sich in ihrer zugrunde liegenden Pathophysiologie unterscheiden und deshalb in unterschiedlicher Form auf therapeutische Interventionen reagieren. In den letzten Jahrzehnten konnte die Grundlagenforschung entscheidende Beiträge zum Verständnis der Entstehungsmechanismen von chronischem Tinnitus liefern. Dies hat jedoch bisher nicht zur Entwicklung von allgemeingültigen Therapieansätzen geführt, die einer Mehrzahl der Patienten helfen. Ein möglicher Grund für das Scheitern verschiedener Studien liegt in den kleinen Patientenzahlen und der ungenügenden Charakterisierung der einzelnen Studienteilnehmer. Aus diesem Grunde ist es erforderlich, ein standardisiertes Instrument zur Subtypisierung verschiedener Tinnituspatienten zu haben. Unter Leitung der „Tinnitus Research Initiative“ (TRI) konnte von verschiedenen internationalen Zentren (u.a. ORL Klinik des UniverstitätsSpitals Zürich) im Consensus ein Instrument aus verschiedenen Fragebögen und Bewertungsskalen entwickelt werden, das eine genaue Charakterisierung der einzelnen Patienten ermöglicht. Dieses Instrument ist mittlerweile online verfügbar und kann so in klinischen und wissenschaftlichen Fragestellungen eingesetzt werden. Mittlerweile wurde von TRI eine internationale Datenbank eingerichtet, die die standardisierten Daten sammelt und so für eine Vielzahl wissenschaftlicher Fragestellungen (Epidemiologie, Subtypisierung, Cluster Analysen, Multizenterstudien, etc.) genutzt werden kann.

Projekt 2

Leidensdruck, Lebensqualität und Gefühlswahrnehmung bei Patienten mit Tinnitus

Kooperation:
  • Dr. S. Weidt, Dr. K. Komossa, PD Dr. M. Rufer, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des UniversitätsSpitals Zürich
  • Prof. Dr. S. Büchi, Psychiatrische Klinik Hohenegg, Meilen

Im Rahmen dieser Studie möchten wir bei unseren Patienten eine bereits bekannte, sehr einfach einzusetzende Methode zur Erfassung des Leidensdrucks evaluieren. Das sogenannte PRISM (Pictorial Representation of Illness and Self Measure) ist leicht handhabbar und für Patienten wie Ärzte leicht verständlich. In seiner Originalversion besteht es aus einer einfachen magnetischen Platte (Repräsentant für das Leben des Betroffenen). In der unteren rechten Ecke ist das Selbst der Person mit einem gelben Kreis gekennzeichnet. Die betroffene Person wird vom Arzt dazu aufgefordert die Krankheit (eine rote magnetische Plastikscheibe) so zu platzieren, dass der Abstand vom Selbst widerspiegelt, welchen Raum die spezifische Erkrankung im Leben des Betroffenen zum Erhebungszeitpunkt einnimmt. Eine nähere Platzierung der Krankheit (rote Scheibe) am Selbst (gelber Kreis) spiegelt einen höheren Leidensdruck wider. Die Werte dieser Evaluation werden mit den Ergebnissen verschiedener Fragebögen verglichen, die den Tinnitusschweregrad ermitteln, um so zu erkennen, ob mittels dem PRISM eine vergleichbare Einschätzung von der Schwere der Betroffenheit erzielt werden kann.

Ein weiterer Teil dieser Studie stellt die Frage nach einer veränderten Gefühlswahrnehmung bei Tinnituspatienten (Gefühlsblindheit = Alexithymie). Alexithyme Charakteristika spielen für den Verlauf und möglicherweise auch die Ätiologie vieler psychiatrischer und psychosomatischer Störungen eine Rolle. Insbesondere wird vermutet, dass die bei Alexithymie zu beobachtenden Defizite der Wahrnehmung und Kommunikation von Gefühlen einen Risikofaktor für die Entwicklung von Somatisierungsbeschwerden darstellen. Somatisierungsbeschwerden sind vom Patienten wahrgenommene und beschriebene körperliche Beschwerden die in ihrem Ausmass nicht durch eine körperliche Fehlfunktion oder eine körperliche Ursache erklärt werden können. Da der dekompensierte Tinnitus aktuell als Somatisierungssymptom verstanden wird, möchten wir untersuchen, ob alexithyme Merkmale bei Tinnituspatienten gehäuft vorkommen. Da bekannt ist, dass alexithyme Patienten weniger gut von Psychotherapien profitieren als nicht alexithyme Patienten, stellt die Untersuchung alexithymer Merkmale bei Tinnituspatienten einen relevanten Beitrag zur Personalisierung von Behandlungsmethoden dar.

Projekt 3

Untersuchung zur hemisphärenspezifischen Dominanz einer einseitig erworbenen, postlingualen Ertaubung und Veränderungen/Plastizität durch die Behandlung mit einem Cochlea Implantat

Kooperation:
  • Prof. Dr. A. Buck, Dr. F. Kuhn, Institut für Nuklearmedizin, UniveristätsSpital Zürich
  • Dr. P. Senn, Prof. Dr.Dr. M. Kompis, HNO Klinik und Audiologie, Inselspital, Universität Bern
  • S. Dalal PhD, D. Wong, Institut für Psychologie, Universität Konstanz, Deutschland
  • Dr. N. Weisz, Center for Mind/Brain Sciences, University of Trento, Italy

Ziel der Studie ist die Untersuchung der hemisphärenspezifischen Auswirkungen einer postlingual erworbenen, einseitigen Ertaubung und deren Veränderungen durch eine Versorgung mit einem Cochlea Implant. Mittels bildgebenden (Positronenemissionstomographie), elektrophysiologischen (Elektroenzephalographie, Magnetenzephalographie) und audiologischen Verfahren soll gezeigt werden, ob sich für die rechstsseitige und die linksseitige erworbene Ertaubung messbare, hemisphärenspezifische Veränderungen der Gehirnfunktion nachvollziehen lassen. In einem zweiten Schritt wird untersucht, ob sich derartige neuroplastische Veränderungen durch die Rehabilitation des tauben Ohres mit einem Cochlea Implant zumindest partiell zurückbilden lassen.

Projekt 4

Charakterisierung von EEG-Veränderungen bei Tinnituspatienten

Kooperation:
  • Prof. Dr. M. Meyer, Institut für Neuropsychologie, Universität Zürich
  • Dr. S. Weidt, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des UniversitätsSpitals Zürich

Im Rahmen dieser Studie soll nach tinnitusspezifischen Veränderungen im Spontan-EEG von Tinnituspatienten gefahndet werden. Ergebnisse der Tinnitusbetroffenen werden mit Daten von gesunden Probandinnen und Probanden verglichen. Dabei werden den Teilnehmer und -teilnehmerinnen Elektroden auf der Kopfoberfläche appliziert. Die Patienten/Probanden und Patientinnen/Probandinnen führen bei diesem Paradigma keine aktive Aufgabe durch, sondern verbringen den Zeitraum der Aufzeichnung in möglichst entspannten Zustand. Es werden zwei Blöcke von jeweils zehn Minuten aufgezeichnet. Pseudorandomisiert über die Stichprobe halten die Patientinnen/Probandinnen und Patienten/Probanden jeweils einmal die Augen geöffnet und einmal geschlossen.
Für die Auswertung der EEG-Spontanaktivität werden wir die Software BrainAnalyzer der Firma Brain Products verwenden sowie die frei erhältliche Software Cartool (Functiona Brain Mapping Lab, Universität Genf). Mittels dieser Verfahren können die Verteilung der EEG-Frequenzbänder für jeden beliebigen Zeitpunkt an jeder beliebigen Elektrode ermittelt werden. Von den Bändern des spontanen Hirnaktivität stehen vor allem das alpha, delta- und theta-Band mit dem chronischen Ohrgeräusch in Zusammenhang. Daher wird sich die Auswertung auf Verschiebungen in diesen Bändern im EEG von Betroffenen im Vergleich zu Personen ohne Tinnitus-Symptomatik konzentrieren. Zusätzlich zu den Vergleichen der Muster der spontanen Hirnaktivität bei Betroffenen und Kontrollen werden wir innerhalb der Gruppe der Betroffenen umfangreiche Korrelationen zwischen den erhobenen psychometrischen Daten und den EEG-Daten berechnen.